
Sicherheitsdynamiken des Pop
Eine transnationale Kulturgeschichte der Versicherheitlichung von Popmusik in der Bundesrepublik (1955-1967)
Über das Buch
Die Habilitationsschrift erschließt Popmusik als bislang wenig beachteten Gegenstand der Historischen Sicherheitsforschung und leistet damit einen innovativen Beitrag zur politischen Kultur- und Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik. Am Beispiel von Rock ’n’ Roll und Beat untersucht sie, wie populärkulturelle Ausdrucksformen zwischen 1955 und 1967 zu Gegenständen gesellschaftlicher Bedrohungswahrnehmungen und politischer Regulierungsansprüche wurden. Im Zentrum steht die Frage, wie unterschiedliche gesellschaftliche Akteure Popmusik als Herausforderung etablierter Normen, generationeller Ordnungen und kultureller Selbstverständnisse konstruierten und entsprechende Sicherheitspraktiken entwickelten.
Die Arbeit zeigt, dass Versicherheitlichungsprozesse nicht auf klassische Politik- und Konfliktfelder beschränkt waren, sondern ebenso im Bereich der Alltags- und Populärkultur wirksam wurden. Damit erweitert sie den analytischen Horizont der Historischen Sicherheitsforschung um eine kulturgeschichtliche Perspektive und macht die gesellschaftliche Aushandlung von Sicherheit jenseits traditioneller Politikfelder sichtbar. Zugleich verdeutlicht die transnationale Untersuchung, wie internationale Kulturtransfers und globale Popmusikströmungen lokale Sicherheitsdiskurse und gesellschaftliche Reaktionen beeinflussten. Die Studie verbindet damit Sicherheitsgeschichte, Kulturgeschichte und transnationale Zeitgeschichte zu einem eigenständigen Forschungsansatz.

Es geht um die Wahrnehmung, Markierung und Konstruktion von Popmusik als Sicherheitsphänomen. Popmusik verstehe ich dabei als kulturelle Praxis, die »gemacht« werden musste, worunter der Sound, die Texte, das Verhalten sowie das Erscheinungsbild von pop-affinen Akteuren zu verstehen ist.
Popmusik noch nicht den favorisierten Sound des Mainstreams abbildete und in der die neue Musik eine vermeintlich generationelle Grenzlinie markierte. Während Anhänger*innen des Popsounds hierin eine Identifikationsmöglichkeit zur Abgrenzung von der Erwachsenenwelt und anderen Gleichaltrigen erblickten, erhoben ihn dessen Kritiker*innen zum Sicherheitsthema.
Nur wer die Geschichte des »Pop« kenne, sei »in der Lage, das 20. Jahrhundert zu verstehen« – mit diesem Diktum unterstrich der Historiker Thomas Lindenberger schon vor 15 Jahren die Bedeutung von Pop(musik) für die Zeitgeschichte. Diesem Verständnis von Popgeschichte als Zeitgeschichte fühlt sich auch das vorliegende Buch verpflichtet. Eine pophistorische Sicherheitsforschung ermöglicht es uns, popkulturelle Praktiken als Gradmesser für gesellschaftliche Liberalität, politische Kultur sowie vorherrschende Normen und Werte zu interpretieren.
Die zentrale These des Buches lautet, dass die kulturelle Praxis der Popmusik nicht als Komposition zu einem Sicherheitsproblem wurde, sondern durch die Interpretation derselben. Und als solche können sie abhängig von dem jeweiligen Standpunkt variieren, einander ergänzen oder sogar im krassen Widerspruch zueinander stehen. Erst in der Gleichzeitigkeit von Anpassung und Rebellion, Individualität und Vergemeinschaftung, Abgrenzung und Vereinnahmung, entfalten popkulturelle Praktiken ihre Dynamiken und Temporalitäten.